Technik – Ausschalten!

Kommunikationsmedien

Ausschalten!


Nicht Schreien. Auflegen

Handy, Email, Blackberry – der Traum der ständigen Erreichbarkeit ist erfüllt. Nur: Vor lauter Kommunizieren kommen wir nun zu nichts mehr. Psychologen und Programmierer schlagen Alarm

Morgens, 10 Uhr in Deutschland: das Telefon klingelt, das Handy vibriert, der Computer zeigt fünf neue Emails an – und nebenan schreit gerade der Chef. Enspanntes Arbeiten sieht anders aus. Konzentration wird zum hart erkämpften Gut. Dass das ständige Reden, tippen, lesen zu erheblichen Streß führt, haben die meisten schon geahnt. Aber es ist alles noch viel schlimmer.

Schlechte Nachrichten kommen etwa von Forschern aus England: Um zu testen, welche Auswirkungen das Dauerkommunizieren auf die Konzentration hat, ließen sie die Hälfte einer Versuchsgruppe Emails beantworten. Die andere Hälfte rauchte Marihuana. Dann bekamen beide Aufgaben gestellt. Das Ergebnis war eindeutig. Die bekifften Probanden schnitten deutlich besser ab als die mailenden. Rund 10 IQ-Punkte sollen ihnen durch den Mailverkehr abhanden kommen – vorübergehend.

Die Effektivität beim Arbeiten nimmt dramatisch ab

Auch in Californien ist man dem Problem auf der Spur. Die Computerwissenschaftlerin Gloria Mark beschäftigt sich schon seit Jahren mit den Nachteilen der schönen neuen Arbeitswelt. Auch sie wartet mit alamierenden Erkenntnissen auf. Gerade mal 11 Minuten, nachdem er mit einer Aufgabe begonne habe, werde der moderne Büromensch wieder davon abgelenkt. Telefon, Kollegen, Email: Die Ablenkung nimmt ihn erst mal 25 Minuten in Anspruch. Und durchschnittlich 8 Minuten vergehen dann, bis es sich wieder in seine ursprüngliche Problemstellung vertieft hat. Bis zum nächsten Klingeln. Das heißt: Von einer Stunde bleiben gerade mal 22 Minuten, in denen tatsächlich an einer Aufgabe gearbeitet wird. Zudem hat man sich inzwischen an die ständige Reizüberflutung gewöhnt. Selbst wenn keine neue Email eingeht, unterbricht der Büromensch nach spätestens 12 Minuten seine Arbeit. Nur, um mal nachzusehen.

Das wiederum kann der Anfang einer verhängnisvollen Freundschaft sein. Manch ein Psychologe, der bereits vor der jüngsten Zivilisationskrankheit warnt: die Sucht nach der Erreichbarkeit. Es steigt die Zahl der Infoholics – Menschen, die Panik hätten, das Haus ohne Handy zu verlassen. Die zwanghaft im Minutenrhytmus ihre Emails abrufen. Die Arbeitseffektivität sinkt dabei auf einen Tiefstand.

Big Brother im Büro – der “Attention Manager” mißt die Konzentration

Inzwischen wird daher fieberhaft an Lösungen gearbeitet. An der University of Illinois etwa wurde der sogenannte “Attention Manager” entwickelt. Die Idee: Die Tätigkeit des Büroarbeiters wird ständig überwacht. Die Email-Eingangsbox meldet sich nur in Momenten geringer Konzentration – etwa, wenn ein Dokument geschlossen wird. Siemens arbeitet an einem ähnlichen System. Und auch Microsoft hat seine Forschunsabteilung auf ein Verfahren angesetzt, das die Benachrichtigung über neue Nachrichten an die Aufmerksamkeit des Arbeitenden koppelt. Bis die Systeme ausgereift sind, geht es aber auch etwas sanfter: Einige US-Firmen haben inzwischen Email-freie Freitage eingeführt. Immer mehr Anhänger findet auch die “Slow-Email-Bewegung”. Ihr Motto: “Lies Emails nur noch zweimal am Tag. Hol dir deine Lebenszeit zurück!”

Und für besonders gefährdete Kandidaten gibt es Marsha Egan. Die Soziologin aus Pennsylvania hat einen 12-Punkte-Plan zur Heilung der Email-Sucht entwickelt. Er wurde schon tausendfach aus dem Internet heruntergeladen. Und auch Selbsthilfegruppen haben sich längst formiert. Sie kommunizieren meist – über Emails.



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